Frankfurt Marathon - 27.10.2013
Impressionen von Eugen:
11 Monate Vorbereitung und dann vom Winde verweht
Mit leichtem Frösteln erinnere ich mich noch an den Frankfurt Marathon 2012. Bei +2 Grad mit leichtem Wind standen wir wie die Pinguine eng zusammen im Startblock und haben uns gegenseitig gewärmt. Trotz „einem Lauf im Kühlschrank“ konnte ich letztes Jahr meine Bestzeit um 4:12 Min. auf 3:05:09 Std. steigern! Im Ziel gab es erst einmal jede Menge Freudentränen. Tage später bei der Nachanalyse waren meine Trainerin und ich der Meinung, dass die Trainingsleistung aufgrund der Bedingungen nicht umgesetzt werden konnte. Hätte am Ende eine 3:04:xx zu Buche gestanden, wäre der folgende Bericht nicht nötig gewesen. So aber war ich der Ansicht: ich muss noch einmal nach Frankfurt und meinen Frieden mit der Strecke finden.
Obwohl ich jeden der sechs Marathons seit Berlin 2007 (3:31:57 Std.) in Folge im Schnitt 4:28 Min. schneller gelaufen bin, war ich voller Zweifel, ob solch eine Verbesserung noch einmal möglich ist. Es sollte daher nichts dem Zufall überlassen bleiben. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich 4 Wochen Urlaub am Stück. Anfang Dezember 2012 buchte ich für den kompletten September 2013 ein Appartement in St. Moritz und meldete mich in Frankfurt an. Jetzt gab es kein Zurück mehr!
Für das Frühjahr 2013 stand die Verbesserung der Grundschnelligkeit auf dem Plan, was aber gründlich daneben ging. Eine schwere Grippe und ein Muskelfaserriss in der Wade – ein Radfahrer ohne Beleuchtung wollte mich über den Haufen fahren - führten zu 7,5 Wochen Trainingsausfall. Über 600 geplante Trainingskilometer waren weg. In der Folge gingen sämtliche Aufbauwettkämpfe daneben. Erst Mitte August gelang mir wieder ein guter Halbmarathon, was mir den nötigen Schwung für das Trainingslager gab. Alles lief bestens. Auch das Wetter war gut. Am liebsten lief ich die 10 – 14 Km Strecken mit etlichen kleinen aber fiesen Anstiegen. Nach vier Wochen standen 516 Laufkilometer, 127 km mit dem Mountainbike und 3,5 Std. anstrengende Wanderungen im Trainingsbuch.
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Langsam wurde ich unruhig. Nach 8 Wochen ohne Wettkampf wollte ich unbedingt meine Form überprüfen. Wahrscheinlich nicht unbedingt vernünftig, aber es musste sein! Da ich mal in Bräunlingen den Marathon laufen möchte, wählte ich den Bräunlinger HM am 13.10. Es sollte Kraft und Tempohärte durch eine Zielzeit von 1:29 tief überprüft werden. Wie fast schon üblich war ich mal wieder recht spät am Start und musste mich daher von fast ganz hinten durchs Feld arbeiten. Nach ca. 2 km traf ich auf Miriam Köhler, wechselte ein paar Worte mit ihr und machte mich dann auf den Weg zu lockeren 1:28:52 Std. Eine Idee zu schnell.
Mittwoch und Donnerstag danach standen der letzte ruhige 30er und 20er auf dem Plan. Alles lief gut. Zu gut wie sich zeigen sollte. In der Firma und im privaten Umfeld kam ich mit kränkelnden Menschen in Kontakt. Ausgerechnet in der Tapering Woche erinnerte sich mein Körper daran. Ich bekam Halsschmerzen und von Mittwoch bis Freitag vor dem Marathon war ich ziemlich platt.
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Es ist 8:15 Uhr am Marathonsonntag und ich habe leichte Panik, fühle mich immer noch schlecht. Nach einem Telefonat mit meiner Trainerin joggte ich zur nächsten Apotheke und kaufte ein Thermometer. Die Temperatur war etwas grenzwertig. Um 9 Uhr stand ein Startverzicht zur Disposition. Mangels Alternativen entschied meine Trainerin um 9:05 Uhr dass ich starte.
Trainerin: „30 km mit dem geplanten Schnitt schaffst Du auf jeden Fall! Danach entscheidest Du, ob es so weiter gehen kann oder das neue Ziel: eine Zeit knapp unter 3:05:09 Std. angestrebt werden sollte“.
Also schnell in die Laufklamotten geschlüpft, das Auto gepackt und zur Messe gelaufen. Die Zeit war knapp, so dass Elfriede den Kleiderbeutel abgeben musste. Im Eifer des Gefechtes vergaßen wir Fotos zu machen.
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Etwas verunsichert stand ich gegen 10:05 Uhr im Startblock bei +17 Grad und blauem Himmel. 15 Grad wärmer als im letzten Jahr. Nicht mein Wetter!
Wegen des Formel 1 Rennens in Indien, das Sebastian Vettel gewann und ihm vorzeitig zur Weltmeisterschaft verhalf, wurde der Marathon eine halbe Stunde später als üblich um 10:30 Uhr gestartet. Dies sollte vielen Läufern zum Nachteil gereichen.
Endlich ging es los! Wider Erwarten kam ich sofort in Schwung und nach 5km hatte ich meinen Rhythmus gefunden. Wir hatten eine HM Durchgangszeit von 1:29 Std. tief und 21:15 Min. für die 5 km Abschnitte geplant. Die Verunsicherung von vor dem Start war wie weggeblasen.
Nach etwa 1 Stunde verschlechterte sich das Wetter zusehends. Zuerst kam der Wind und über einen Zeitraum von etwa 40 Minuten immer wieder heftige Regenschauer, die uns kräftig durchnässten. Nur jetzt ja nicht ständig in den mit Wasser gefüllten Spurrillen laufen. Nachdem der Regen nachgelassen hatte nahm der Wind immer mehr zu. Windböen von über 50 km/h und ständig wechselnden Richtungen warfen Absperrgitter um und machten uns immer mehr zu schaffen.
Die tolle Unterstützung durch die Zuschauer und die ständig wechselnden Bedingungen ließen keine Langeweile aufkommen.
Die 5 km Zwischenzeiten blieben trotz der wechselnden Bedingungen stabil: 5 km 21:05, 10 km 21:11, 15 km 21:14, 20 km 21:10, HM 1:29:19, 25 km 21:21, 30 km 21:21, 35 km 21:19 und so weiter bis Km 37,5. Was für eine schöne Serie. Aufgrund der Umstände hatte ich das Band mit den Zwischenzeiten von ASICS im Auto gelassen. Ich wollte mich nicht dem Diktat der Uhr unterwerfen. Nur auf den Abschnitten mit heftig wechselnden Bedingungen überprüfte ich ab und zu einen 2 km oder einen Kilometer Abschnitt. Ansonsten verließ ich mich auf das beim Bahntraining angeeignete Tempogefühl.
Wir nähern uns „Downtown“. Bei Km 37,5 biegen wir auf den Opernplatz ein und laufen an einem super unterstützenden Publikum vorbei. Stimmung pur. Die Prognose zeigt auf 2:59 tief. Ich biege auf den Goetheplatz ab und bleibe fast stehen, was für heftige Windböen. Auf einer Strecke von 600m lasse ich über 40 Sekunden liegen. Bis Km 40 ändern sich die Bedingungen ständig. Auf Rückenwind folgen Windböen von der Seite und von vorne. Die Straße war nass und rutschig durch das viele Herbstlaub. Mit 2:50:40 bei Km 40 liege ich plötzlich 40 Sekunden hinter meinem Plan. Noch wäre alles möglich, wenn da nicht die Mainzer Landstraße wäre. Die 2:59 ist weg, jetzt geht es um 3:00. Ich stemme mich gegen den starken Wind und lasse doch wieder um die 40 Sekunden bis Km 41 liegen. Endlich geht es auf die Friedrich-Ebert-Anlage und mit einem 4:11er-Schnitt über die letzten 1200 m, vorbei an dem Mann mit Hammer, der mich nicht heimgesucht hat.
Der Einlauf in die Halle ist beeindruckend. Am liebsten würde ich stehen bleiben und das Farbenspiel sowie die Stimmung genießen. Das geht aber nicht! Ich muss weiter, ins Ziel! Bei 3:00:41 Std. bleibt die Uhr stehen. Stehe mit einem Fragezeichen im Gesicht im Zielraum. Wieder eine neue Bestzeit mit einer Steigerung von 4:28 Minuten gegenüber dem Vorjahr. Was für ein Tag!?
Moment mal: 4:28 Minuten? Da war doch was (siehe Anfang)! Genau: gleiche Steigerungsrate wie im Durchschnitt der letzten 6 Marathonläufe seit 2007. Ist das nicht verrückt? Sollte ich mich nun freuen oder trauern? Zuerst suchte ich meine gute Fee Elfriede und drückte sie herzlich.
Dann, wenige Minuten nach dem Zieleinlauf, als ich den Lauf noch einmal im Kopf durchging, kamen sie doch, die Tränen. Es gibt aber überhaupt keinen Grund traurig zu sein. Ich weiß, was ich an diesem Tag geleistet habe und was möglich gewesen wäre, wenn Vettel an einem anderen Sonntag seien Weltmeisterschaft endgültig gemacht hätte.
Muss ich nun 2014 wieder nach Frankfurt, um meinen Frieden mit der Strecke zu finden?
Ganz klar Nein!
Für 2014 stehen andere Ziele auf meiner Löffelliste. Unter anderem der erste Landschaftsmarathon!
Epilog
Ohne Elfriede, die sich mit dem Fahrrad und einem Rucksack voller Trinkflaschen durch Frankfurt kämpfte und mich von Km 20 bis Km 35 alle 5 Km verpflegte und mehr Stress als ich hatte, sowie meiner Schwester Heidrun, die mir seit nunmehr 8 Jahren immer wieder interessante und exakt auf mich abgestimmte Trainingspläne (für Frankfurt 1300 Laufkilometer, 150 Mountainbike Kilometer) schreibt, wäre diese Zeit nicht möglich gewesen. Vielen herzlichen Dank hierfür!
